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Remote Work - How To - Herausforderungen

- Hannes Kleist - 09.02.2021

Remote Work - How To - Herausforderungen

2 Herausforderungen

Die operativen Herausforderungen von Remote-Arbeit sind die, die am sichtbarsten sind und meist als erste angegangen werden. Es geht darum, Mitarbeiter mit der richtigen Hardware auszustatten, Prozesse einzurichten und sie so weit zu bringen, dass sie die Tools und Technologien auch beherrschen. Das ist nicht einfach und muss natürlich ganz am Anfang erledigt werden. Doch noch kritischer sind die Herausforderungen, die nicht sofort erkennbar sind, aber entscheidenden Einfluss auf den langfristigen Erfolg Ihres Remote-Teams haben.

2.1 Einsamkeit & Paranoia

Seien wir ehrlich: Von zu Hause oder in einem Co-Working-Space zu arbeiten macht wenig Spaß. Sicher, man muss nicht stundenlang hin und her pendeln, man ist flexibler, kann sich um seine Kinder oder Besorgungen kümmern. Aber 8 Stunden am Tag alleine an einem wahrscheinlich nicht gerade ergonomischen Schreibtisch in Ihrer Wohnung oder im Schneidersitz auf Ihrem Sofa zu sitzen ist nicht das tolle Büro, das Sie eigentlich mal hatten. Kein nettes, spontanes Gespräch mehr in der Kaffeeküche, keine Mittagspause mit den Lieblingskollegen in der Kantine. Nicht einmal ein “Guten Morgen” oder “Haben Sie mal eine Minute Zeit?”. All diese netten menschlichen Interaktionen fallen bei Remote-Teams erstmal weg. Und das kann auf die Stimmung schlagen.

Ein Fünftel aller Remote-Arbeiter gibt an, einsam zu sein. Auch wenn Remote-Mitarbeiter zufriedener mit ihrem Job und engagierter gegenüber ihrem Arbeitgeber sind, ist Einsamkeit ein großes Problem in der Remote-Community. Nicht so sehr, weil die Leistung direkt darunter leidet, sondern weil es die Führung von Teams erschwert.

Was in dieser Studien noch nicht richtig untersucht wurde, sind die langfristigen Auswirkungen von Einsamkeit. In 13 Jahren Remote Work haben wir die Erfahrung gemacht, dass Einsamkeit oft sogar zu Paranoia führen kann.

Wie viele Führungskräfte bin ich mit dem klassischen Führungsstil “Management by Exceptions” groß geworden. Sprich: Kommuniziert wird nur, wenn etwas schief gelaufen ist. Frei nach dem Motto: Keine Kritik ist Lob genug.

Nun stellen Sie sich Ihre Teammitglieder vor: Sie kommen aus einem lebhaften Büro, wo sie jeden sehen und sich mit jedem unterhalten konnten. Dieser Kontext wird ihnen plötzlich genommen. Nach ein paar Wochen Funkstille werden Menschen misstrauisch, geraten ins Grübeln und malen sich die schlimmsten Szenarien aus. Denn Menschen interpretieren keine Information meist automatisch als schlechtes Zeichen.

In einem der nachfolgenden Kapitel werden wir besprechen, wie Sie diese Einsamkeit bekämpfen können: indem Sie hundertprozentig transparent sind, alles dokumentieren und erheblich öfter mit Ihren Mitarbeitern reden, als Sie es bisher getan haben.

2.2 Chatbasierte Kommunikation ist 💩

Wenn Sie ein chatbasiertes Kommunikationstool wie Slack oder Microsoft Teams einführen, werden Sie zunächst die Effizienz und Transparenz lieben, die es mit sich bringt. Keine kilometerlangen E-Mails mehr mit Dutzenden von Personen im CC. Kein “Sehr geehrter Herr So und So” und kein “Mit freundlichen Grüßen” mehr.

Ungefähr ein Jahr, nachdem wir Slack eingeführt hatten, stellte ich fest, dass die Leute negative Posts, wie etwa schlechte Neuigkeiten oder Kritik, wirklich schwer aufnahmen. Ein Teammitglied bat mich sogar, mehr Emojis zu verwenden, damit es verstehen konnte, wie ich manche Nachrichten meinte.

Erst als ich Dale Carnegies: “How to Win Friends and Influence People” gelesen hatte, dämmerte mir, warum das so war: 90 % einer Nachricht ist nicht das, was man sagt, sondern wie man es sagt.

Beim Chat reduzieren Sie die Nachricht trotz des gelegentlichen Emojis auf die absolute Kerninformation. Oft reicht die Zeit nicht mal für “bitte” und “danke”. Leider besteht der größte Teil einer menschlichen Nachricht aus Gestik, Mimik und dem Tonfall. Sie glauben mir nicht? Schauen Sie sich einen Film auf Französisch oder einer anderen Sprache an, die Sie nicht sprechen. Sie werden trotzdem ziemlich gut verstehen, worum es in diesem Film geht. Darüber hinaus erinnern sich Menschen zehnmal schlechter an Informationen, die in Chats geteilt werden, als an Informationen, die sie in einem echten physischen Gespräch erhalten.

In einer der folgenden Lektionen werde ich Ihnen zeigen, wie klare Kommunikationsregeln Missverständnisse in Ihrem Team reduzieren und Zusammenhänge besser vermitteln können. Wir werden uns ansehen, wie Sie wichtige Botschaften in “22 Touchpoints” effektiv übermitteln können und, wie Sie durch Umfragen und die guten alten 1:1-Meetings beurteilen können, wie sich Ihr Team gerade fühlt.

2.3 Beziehungspflege unmöglich

Auf den ersten Blick könnte man denken, dass ein Zoom-Call genauso gut wie ein persönliches Treffen in Ihrem Büro ist. ,Aber wir haben festgestellt, dass es wirklich schwierig ist, Beziehungen remote aufzubauen.

Es ist ein bisschen wie beim Dating. Es ist in Ordnung, über Tinder (oder Grinder) ein bisschen zu texten. Aber man möchte trotzdem zuerst gemeinsam abendessen, bevor man ins Bett hüpft (obwohl ich mir von jungen Leuten habe sagen lassen, dass der Teil mit dem Abendessen zunehmend optional wird).

Es ist einfach etwas anderes, mit einer anderen Person in natura zu interagieren. Ich denke, der Grund dafür ist, dass wir bei einem Zoom-Call normalerweise an einem Schreibtisch sitzen und die Kamera auf unser Gesicht gerichtet ist, was uns vom Hals abwärts lähmt. Mimik ist zwar gut, aber Gesten und Körperbewegungen sind bei Zoom-Calls buchstäblich nicht möglich.

Das Defizit von Video-Calls merkt man auch daran, wie lange man einen Online-Workshop ertragen kann, ohne geistig abzuschalten. 6-stündige Brainstorming-Sessions in netter Atmosphäre - kein Problem. Zwei Stunden Zoom-Call, und selbst extrem fokussierte Menschen verlieren ihre Konzentration.

In einem der folgenden Kapitel werden wir besprechen, wie Sie die Beziehung zu Ihren Mitarbeitern durch regelmäßige 1:1s und informelle Check-ins stärken und mit dem Verschicken von Lego-Geschenken sogar noch einen draufsetzen können. ;-)

2.4 Burn-out

Die beliebteste Frage, die ich von Führungskräften erhalte: “Hannes, wie kannst du sicherstellen, dass deine Leute tatsächlich arbeiten, wenn du sie nicht sehen kannst?”

Ich verstehe das. Es ist ein großartiges Gefühl, “die Kontrolle zu haben”, wenn man durch den Flur oder das Großraumbüro schlendert und sehen kann, wie hart die Leute für einen arbeiten.

Interessanterweise - und das zeigt nicht nur unsere Erfahrung, sondern auch die Wissenschaft - arbeiten Menschen remote eher zu viel als zu wenig. Daher ist eines der größten Risiken der Remote-Arbeit tatsächlich Burn-out. Die Menschen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie von zu Hause aus arbeiten, weil Remote Work immer noch nicht als richtige Arbeit angesehen wird. Insgesamt arbeiten sie tatsächlich mehr Stunden als vorher, und - was am schlimmsten ist - sie tun dies auch nach Feierabend und am Wochenende, wenn sie eigentlich ihre Batterien aufladen und sich um ihre Familien kümmern sollten.

Remote Work ist wie gemacht für asynchrones Arbeiten. Manche Menschen - darunter ich selbst - beginnen um 5 Uhr morgens. Andere arbeiten lieber am Abend. Da Sie nicht richtig sehen können, wann Ihre Leute gerade an ihren Rechnern sitzen, wann sie ihre Arbeit beginnen und wann sie aufhören, bekommen Sie nie ein sicheres Gefühl für die Standardarbeitszeit. Was Sie sehen, sind die Ausreißer: Nämlich diejenigen, die als erstes anfangen zu arbeiten und diejenigen, die als letztes aufhören. So werden Ihre Maßstäbe in beide Richtungen künstlich erweitert und die Arbeitszeiten werden immer länger.

In einem der folgenden Kapitel werden wir besprechen, wie Sie Ihre Mitarbeiter schützen und den oft selbst erzeugten Stress reduzieren können: durch klare Richtlinien, Tracking der Arbeitszeit und Regeln für die Kommunikation.

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2.5 Massenablenkungswaffen

Das Problem der kontinuierlichen Erreichbarkeit wird durch Slack und andere Chat-Tools noch verschärft.

Wussten Sie, dass Slack eine Gaming-Firma war, bevor sie ihr Chat-Tool entwickelten? Ja! Sie haben dieses Chat-Tool für ihre eigene interne Kommunikation entwickelt, bevor sie es mit der Welt teilten. Und sie haben alles, was sie über Gamification gelernt haben, in ihr Produkt gepackt. Slack und co. sind buchstäblich so gebaut, dass sie ihre Nutzer möglichst häufig unterbrechen, mit Emojis, Zählern für ungelesene Nachrichten und einem endlosen Strom von Beiträgen, die man regelmäßig screenen will aus Sorge, irgendetwas Wichtiges zu verpassen.

Slack gibt seinen Nutzern das Gefühl, dass man es nie schließen kann. Weder am Abend noch im Urlaub aus Sorge, von einer Million ungelesenen Erwähnungen erschlagen zu werden, die man nie wieder aufarbeiten kann.

Also gehen wir alle 5 Minuten auf Slack, weil es uns so in seinen Bann zieht. Wenn Sie lernen wollen, wie Sie selbst solche fiesen, süchtig machenden Produkte bauen können, empfehle ich wärmstens “Hooked: How to Build Habit-Forming Products” von Nir Eyal.

Unser Arbeitsalltag gleicht zunehmend unserem Privatleben. Eine Million Nachrichten pingen uns alle 5 Minuten an und fordern unsere Aufmerksamkeit. Paradoxerweise brauchen wir in diesen Zeiten aber das genaue Gegenteil: lange Strecken ohne Unterbrechung, damit wir konzentriert arbeiten und intensiv Nachdenken können.

Fun Fact: Bill Gates flieht zweimal im Jahr für eine Woche allein mit einem Koffer voller Bücher in den Wald , um ungestört zu lesen und nachzudenken.

2.6 Kontrollverlust

Den meisten Führungskräften fällt es schwer, ihre Mitarbeiter nicht mehr sehen und nicht mehr mal eben nachschauen zu können, wie es so läuft. Wenn Sie wie ich sind, werden Sie schnell in die Mikromanagement-Falle tappen und mit Checklisten, To-Do-Listen, Statusberichten und Status-Calls versuchen, ein Stück dieser verlorengegangenen Kontrolle wiederzuerlangen.

Leider wird dieses Mikromanagement Ihre Mitarbeiter weniger unabhängig und damit weniger produktiv machen.

Dabei ist gerade das die große Stärke von Remote-Teams, wenn sie richtig geführt werden: Sie arbeiten autonom, kommen ganz ohne Mikromanagement aus und wachsen regelmäßig über sich hinaus. Die Folge: Sie steigern damit die Produktivität und Kreativität Ihres Teams, Ihre Mitarbeiter sind glücklich und erfüllt, und Sie als Führungskraft haben plötzlich die Freiheit zu entscheiden, was Sie mit dem Plus an Zeit anfangen möchten: ob Sie nun gleich das nächste große Projekt in Angriff nehmen, mehr Zeit in die Entwicklung Ihres Teams investieren oder die Zeit mit Ihrer Familie verbringen möchten.

Zusammenfassung

In diesem Kapitel haben wir uns ein paar der wichtigsten langfristigen Herausforderungen angesehen, mit denen Sie und Ihr Team konfrontiert werden, wenn Sie remote arbeiten:

1. Einsamkeit

Obwohl Remote-Mitarbeiter zufriedener in ihrem Job und engagierter gegenüber ihrem Arbeitgeber sind, gibt ein Fünftel der Menschen an, dass sie regelmäßig unter Einsamkeit leiden.

2. Chat-basierte Kommunikation

90 Prozent einer Botschaft ist nicht, was Sie sagen, sondern wie Sie es sagen. In der Chat-basierten Kommunikation gehen wichtige nonverbale Botschaften verloren.

3. Beziehungspflege online ist schwierig

Video-Calls erleichtern unser Leben als Remote-Arbeiter. Aber sie können persönliche Interaktionen nicht vollständig ersetzen.

4. Burn-out

Menschen, die remote arbeiten, arbeiten nicht weniger, sondern oft zuviel und riskieren, langsam auszubrennen.

5. Massenablenkungswaffen

Chat-Tools wie Slack sind darauf ausgelegt, ihre Nutzer 24/7 in ihren Bann zu ziehen. Damit Menschen konzentriert und wirkungsvoll arbeiten können, brauchen sie aber genau das Gegenteil: lange Intervalle ununterbrochener Konzentration auf ein Thema.

6. Kontrollverlust

Remote sind Ihre Mitarbeiter nicht mehr sichtbar oder greifbar. Geben Sie Ihrem Drang nicht nach, das Gefühl der verlorenen Kontrolle durch Mikromanagement wieder herzustellen. Bauen Sie stattdessen autonome Teams auf, denen Sie vertrauen und die eigenständig und ohne Ihre Kontrolle arbeiten.

In der nächsten Lektion geht es darum, ein starkes Fundament in Ihrem Team aufzubauen, auf dem Sie erfolgreich remote arbeiten können. Anschließend werden wir uns mit Ihren Zielen, Abläufen und mit effizienter Kommunikation beschäftigen.

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